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Interview aktuell

Laktoseintoleranz
Pionierarbeit in der Selbsthilfe

Bild: pixabay

Produkte mit der Aufschrift „laktosefrei“ finden sich heute in allen Supermärkten. Mittlerweile kann man mit der Diagnose „Laktoseintoleranz“ ein relativ normales Leben führen.
Dass das nicht immer so war, weiß Herta Finkhäuser, lange Jahre Leiterin der Selbsthilfegruppe „Laktoseintoleranz“ im Rhein-Sieg-Kreis.
Vor rund 30 Jahren begannen ihre Beschwerden: starke Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle. Sie ging zu verschiedenen Ärzten, fragte bei den Krankenkassen und dem Gesundheitsamt nach. Rat und Hilfe fand sie nicht.
Auf der Gesundheitsmesse in Hennef traf Herta Finkhäuser auf die KISS (ehemaliger Name der Selbsthilfe-Kontakstelle, Anm. der Red.). Die KISS organisierte ein erstes Treffen mit Gleichbetroffenen. Eines hatten die Teilnehmer neben den körperlichen Problemen gemeinsam: aus medizinischer Sicht wurden sie nicht ernst genommen.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:

Mit welchen Problemen musstet Ihr Euch auseinandersetzen?

Herta Finkhäuser:
Kein Arzt hatte damals das Wort Laktoseintoleranz überhaupt gehört. Erst als man mir sagte, ich solle mal zum Psychiater gehen, da habe ich überall nachgeforscht und nachgefragt. So kam ich langsam darauf, dass ich keine Milch vertrage. Ich habe das auch den Ärzten gesagt. Ein Arzt hat gesagt: „Wir müssen eine Milchkur machen!“ Es ging mir so schlecht, dass ich dann von selber wusste: Milch geht schon gar nicht!

Mit anderen Betroffenen haben wir angefangen, in Zeitungen und Zeitschriften überall unser Problem darzustellen. Das Wort „Laktoseintoleranz“ gab es da immer noch nicht!
Wir haben außerdem Firmen angeschrieben und gesagt: „Wir vertragen keine Milch, ist denn in Ihrer Wurst oder in Ihrem Produkt Milch drin oder nicht?“ Die haben uns auch geantwortet. Wir haben uns selber zusammengestellt, was wir essen dürfen und was nicht. Wir haben uns selber geholfen und es kamen dann immer mehr Leute hinzu.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
War der Zulauf groß?

Herta Finkhäuser:
Nach einem langen Artikel im General-Anzeiger war der Zulauf so groß, dass wir gar kein Lokal fanden. Wir sind dann zu jedem Treffen in ein anderes Lokal, weil es immer mehr Leute wurden. Später dann waren wir regelmäßig rund zehn Leute, die sind wir auch geblieben. Neue Teilnehmer haben wir immer freundlich aufgenommen.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Ihr habt ja Pionierarbeit geleistet, ihr habt euch formiert als Patienten. Wie war die Zusammenarbeit mit den Ärzten?

Herta Finkhäuser:

Mein Hausarzt, der war richtig froh. Er hat sogar mal bei mir angerufen und gesagt „Ich habe eine Patientin mit den und den Problemen. Könnte das auch eine Laktoseintoleranz sein?“. Er hat uns die Frau dann vermittelt. Andere Ärzte, die haben unsere Arbeit als Selbsthilfegruppe belächelt und nicht ernst genommen. Das war dann schon ein Problem, aber wir haben uns durchgesetzt.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:

Die Gruppe gibt es nicht mehr. Wann habt ihr mit Eurem Engagement aufgehört?

Herta Finkhäuser:
Wir haben uns vor etwa fünf Jahren als Gruppe abgemeldet, weil wir über unsere Krankheit jetzt Bescheid wissen. Wir treffen uns, ob wir krank sind oder nicht. Wir sind inzwischen Freunde geworden. Wir machen viel miteinander, treffen uns in einem Café und reden über andere Themen. Dann ist die Krankheit gar nicht mehr so wichtig.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:

Wie kommt man heute mit der Laktoseintoleranz zurecht? Es hat sich seit dem Beginn Eurer Gruppe sehr viel verändert…

Herta Finkhäuser:
Das haben wir angeregt, dass die Firmen auf ihre Lebensmittel draufschreiben sollen, ob da Laktose enthalten ist oder nicht – noch bevor der Gesetzgeber das festgelegt hat! Das war am Anfang ein Werbegag für die Firmen und für uns war und ist das ganz wichtig. Das haben viele Firmen dann auch gemacht. Später wurde gesetzlich vorgeschrieben, dass die Inhaltsstoffe auf den Lebensmitteln stehen müssen. Und seitdem geht es uns auch wirklich gut und es kommen keine Leute mehr zu uns, weil die sich selber informieren können und die Produkte auch entsprechend da sind.

Selbsthilfe-Kontaktstelle:
Die Gruppe hat sich selbst überflüssig gemacht. Macht Euch das auch ein wenig Stolz?

Herta Finkhäuser:
Wir haben viel gearbeitet und viel erreicht. Ja doch, da sind wir schon stolz drauf!
 


Laktoseintoleranz (Quelle: Wikipedia):
Bei Laktoseintoleranz oder Milchzuckerunverträglichkeit wird der mit der Nahrung aufgenommene Milchzucker als Folge fehlender oder verminderter Produktion des Verdauungsenzyms Lactase nicht oder unvollständig verdaut und es resultiert eine Unverträglichkeit von Milch und Milcherzeugnissen.

Herta Finkhäuser berät telefonisch zum Thema „Laktoseintoleranz“ unter Tel.: 02246 7948.

 

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